Die Außenseiter der Digitalisierung

Längst hat die Digitalisierung Einzug in unsere Arbeitswelt gehalten. New Work bringt viele Chancen mit sich und ermöglicht ein effizienteres, orts- und zeitunabhängiges Arbeiten. Allerdings profitieren nicht alle Arbeitnehmer von den neuen Möglichkeiten.

blue collar worker

Wem beim Abendbrot plötzlich die vergessene Geschäftsmail wieder einfällt, muss heute in den seltensten Fällen zurück ins Büro sprinten. Ein Griff zum Smartphone oder Arbeitslaptop reicht in der Regel aus. Auch ein Stromablese-Termin am Vormittag oder ein krankes Kind im Bett führen im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr zwangsläufig zum metaphorischen Papierstapel am Arbeitsplatz. Neue Methoden und Tools wie Slack, Home-Office oder Online-Konferenzen machen inzwischen orts- und zeitunabhängige Kommunikation und Datenaustausche möglich. “Future of Work” wird dies im Fachjargon genannt - also cleveres, effizienteres Arbeiten, mit dem mittlerweile viele Unternehmen Bewerber locken. Laut einer neuen Xing-Studie sind flexible Arbeitszeiten für jeden zweiten Arbeitnehmer ein entscheidendes Kriterium bei der Jobwahl, für jeden Vierten ist die Möglichkeit zwischen Büro und Home-Office wählen zu können, von tragender Relevanz.

Industrie 4.0

Moderne Arbeitsbedingungen etablieren sich zunehmend in der Arbeitswelt und haben besonders bei Unternehmen, die selbst digitalisierte Produkte oder Geschäftsmodelle vertreiben, einen hohen Stellenwert. Aber auch traditionelle Produktionen schritten im letzten Jahrzehnt enorm voran, was die vierte historische Revolution in der Industrie auslöste, die sich bis in die heutige Gegenwart zieht. Erstmals wurde der Begriff “Industrie 4.0” 2011 auf der Hannover Messe beschrieben und ist inzwischen für viele Fertigungen und Fabriken Alltag, was ein Blick auf die Automobilindustrie zeigt. Hochtechnologisierte Maschinen werden von modernen Software-Prozessen und -Systemen gesteuert und bieten so schnellere und effizientere Bedingungen.

Doch die digitale Rasanz berücksichtigt die Mitarbeiter oft zu wenig und macht diese zu Außenseitern der modernen Arbeitswelt.

Blue Collar Worker

Am häufigsten betrifft dieses Problem die sogenannten Blue Collar Worker (auf Deutsch „Blaumänner“). Der Begriff stammt aus dem Englischen und beschreibt Arbeitnehmer, die meist in einem Produktionsbetrieb in der Industrie und im Handwerk tätig sind und ihre Arbeit überwiegend offline verrichten. Gemeint sind vor allem Industriearbeiter, die trotz voranschreitender Automatisierungen unverzichtbar für Produktionen wie beispielsweise in der Automobil- oder Textilindustrie sind. Hier sind nach wie vor Menschen notwendig, die zu einer festen Zeit am Arbeitsplatz mental und physisch präsent sein müssen. Wer jetzt glaubt, dass diese Berufe vom technischen Fortschritt unberührt bleiben, der irrt sich. Doch häufig stößt die neue “Digital Factory” genau bei denen, die von ihr betroffen sind, auf Ablehnung. Während Arbeitsprozesse und -systeme in der Industrie inzwischen hoch technologisiert und digitalisiert sind, bleiben Blue Collar Worker im digitalen Konstrukt größtenteils als einzige offline und fühlen sich so bedroht und vergessen.

Angst vor Substitution

Unbegründet ist die “Furcht vor Maschinen” in Fertigungsberufen allerdings nicht. Rund 30% der deutschen Arbeitnehmer arbeiteten 2017 laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung für produzierende Gewerbe. Das IAB hat in einer Studie aus 2018 ein durchschnittliches Substituierbarkeitspotenzial errechnet, das definiert inwieweit menschliche Tätigkeiten von Computern übernommen werden können. Mit über 70% sind Fertigungsberufe und -techniken am meisten gefährdet. Dort, wo automatisierte Prozesse überwiegen, ist der Mensch für viele Unternehmen bereits überflüssig. Beispielsweise in der Getränkeherstellung, wo die Zugabe und Berechnung von Zutaten vom PC übernommen werden kann. Ähnliches zeigt sich auch in der chemischen Industrie. Mit einem Substituierbarkeitspotenzial von 90% lässt sich diese fast komplett automatisieren. Doch auch Berufe aus dem herkömmlichen Alltag sind betroffen. Kassierer werden von Selbstbedienungskassen, die bei IKEA oder Rewe in Deutschland bereits im Einsatz sind, ersetzt. Stellen als Bankkaufmann oder Bankkauffrau werden zunehmend durch digitale Überweisungen und bargeldloses Bezahlen minimiert.

Verknüpfung statt Substitution

Statistiken wie diese beweisen, dass digitale Transformationen in der gesamten Arbeitswelt stattfinden. Doch um langfristige Entwicklung optimal gewährleisten zu können, sollten Unternehmen frühzeitig ihre Mitarbeiter in technische Entwicklungen miteinbeziehen. Denn neben drohenden Wettbewerbern, die ihre Strukturen durch moderne Mechanismen optimieren, lassen sich junge Berufseinsteiger durch ihre grundlegende Affinität zur digitalen Welt schwerer in veraltete Arbeitsprozesse integrieren. Aber auch bei Berufen, in denen sich „smart working“ nicht wirklich umsetzen lässt, sollten die vielfältigen digitalen Möglichkeiten genutzt werden. Ein Dachdeckermeister im Interview mit dem RP-Portal berichtet zum Beispiel, dass inzwischen viele Dachdeckerbetriebe GPS-Systeme, Apps zur Zeiterfassung oder als Lernspiele für Azubis nutzen. Auch Drohnen sind inzwischen eine erhebliche Erleichterung bei der Inspektion von Dächern. Ein weiterer kleiner Handwerksbetrieb erzählt außerdem, dass sie durch eine frühzeitige Digitalisierung klare Vorteile ziehen. So sparen sie mit digitalem Bestellwesen und Zeiterfassung, Zeit und Kosten und erhöhen durch Datenerfassung die Geschwindigkeit im Customer Service, was zu einer hohen Kundenzufriedenheit führt.

Bildung wird digital

Ein weiterer Grund, der zeigt, dass Industrien langfristig nicht mehr auf digitale Umstellungen verzichten können, sind die jüngsten Beschlüsse im deutschen Bildungswesen. Im März 2019 sicherte das Bundesbildungsministerium den Ländern den DigitalPakt Schule zu. Mit einer fünf Milliarden hohen Förderung sollen in den nächsten fünf Jahren Lernstrukturen und Klassenräume digitalisiert werden. Damit reagiert die Regierung ebenfalls auf das Arbeiten 4.0 und bereitet die Arbeitnehmer von morgen auf digitale Strukuren vor.

Digital Future

Schlussendlich sollten Fertigungen und Unternehmen frühzeitig ihre Mitarbeiter in Digitalisierungsprozesse integrieren. Gerade ältere Blue Collar Worker sollten transparent und ausführlich auf technische Veränderung vorbereitet werden. Beispielsweise bieten viele Software-Anbieter Rundumbetreuungen und Unterstützung bei der Einführung ihrer digitalen Produkte an und stehen beratend zur Seite. Durch Schulungen und langfristige Einführungsphasen kann so die Skepsis, insbesondere von nicht technikaffinen Mitarbeitern, genommen werden. Deshalb sollten sich alle Berufsfelder mit “Future of Work” befassen und individuell analysieren, was Arbeiten 4.0 in den nächsten Jahren für sie bedeutet.